Aufmerksamkeitsdefizit – ADS – ADHS – Hyperaktivität
Entwicklung der Aufmerksamkeit – eine persönliche Einordnung
Ein Kleinkind ist von Natur aus neugierig. Seine Aufmerksamkeit gleicht einem Leuchtturm, dessen Lichtkegel ständig durch die Umgebung wandert. Alles ist interessant, alles wird ausprobiert.
Erst im Vorschulalter, etwa zwischen dem 3. und 7. Lebensjahr, entwickelt sich allmählich die Fähigkeit, die Aufmerksamkeit gezielt zu bündeln – auch dann, wenn eine Tätigkeit nicht unmittelbar spannend ist, etwa bei Spielen mit Regeln, Untersuchungen beim Kinderarzt oder später im Unterricht.
Das Schulkind kann sein Interesse dann für eine begrenzte Zeit – im Durchschnitt etwa 10 bis 15 Minuten – auf eine altersgerechte Aufgabe richten. Die Aufmerksamkeit wird vom wandernden Lichtkegel zum Scheinwerfer-Spot.
Diese Fähigkeit zur zielgerichteten Aufmerksamkeit ist eine wesentliche Voraussetzung für eine gesunde Entwicklung in Familie, Kindergarten, Schule und sozialen Beziehungen. Bei manchen Kindern ist diese Teilbegabung jedoch nur unzureichend oder kaum entwickelt.
Eine frühe Wahrnehmung und Einordnung ist wichtig, da fördernde Maßnahmen Zeit, Geduld und pädagogisches Fingerspitzengefühl erfordern.
Bewährte homöopathische Arzneibilder bei ADHS
Die folgenden Beispiele aus der Praxis verdeutlichen, wie unterschiedlich sich ADS/ADHS darstellen kann.
- Agaricus
Kinder leben stark in ihrer Fantasiewelt und haben Mühe mit den strukturierten Anforderungen des Schulalltags. Häufig bestehen neurologische Begleiterscheinungen wie Tic-Störungen, Grimassieren, Stottern oder Muskelzuckungen, teils auch grob- oder feinmotorische Teilleistungsstörungen. Viele sind hochsensibel gegenüber Geräuschen, Berührungen, Gerüchen oder Licht und leiden unter teils unbewussten Ängsten. - Calcium phosphoricum
Unzufriedene, leicht reizbare Kinder mit großem Bedürfnis nach Zuwendung. Sie beschäftigen sich ungern allein, sind sensibel und ängstlich und reagieren auf schulische oder seelische Belastungen häufig mit psychosomatischen Beschwerden wie Kopf- oder Bauchschmerzen. Nicht selten finden sich Entwicklungsverzögerungen, auch sprachlich. - Phosphorus
Kontaktfreudige, lebhafte, oft sehr charmante Kinder, die gerne im Mittelpunkt stehen und nicht selten die Rolle des „Klassenkasper“ übernehmen. Sie sind sensibel, ängstlich und leicht beeinflussbar. Nach aufregenden Medieninhalten reagieren sie oft übersteigert. Trotz guter Intelligenz wirken sie flatterhaft, wenig ausdauernd und brechen unter Leistungsdruck rasch ein. - Stramonium
Ein wichtiges Mittel bei ausgeprägter Impulsivität. Diese Kinder wirken im Kontakt oft freundlich und erstaunlich reif, zeigen jedoch massive Ängste bis hin zu Panik. In Belastungssituationen können plötzlich ungebremste Wutanfälle mit gefährlichem Verhalten auftreten. Dieses Arzneibild findet sich nicht selten bei schwerem oppositionellem oder aggressivem Verhalten. - Sulfur
Neugierige, intelligente Kinder mit vielen Interessen – und wenig Sinn für Ordnung oder Hygiene. Stillzusitzen fällt schwer, Regeln werden gerne infrage gestellt. Neben dem kräftig-dominanten Sulfur-Typ gibt es auch den schmächtigen, hochintellektuellen „zerstreuten Professor“, wissbegierig, ideenreich, aber wenig praktisch und oft besserwisserisch. - Veratrum album
Häufig frühreife Kinder mit enormer geistiger Auffassungsgabe und hohem Aktivitätsniveau. Sie sind ehrgeizig, perfektionistisch, schnell beleidigt und ständig „in Aktion“. Ihr unermüdlicher Tatendrang und ihre Unfolgsamkeit stellen Eltern und Pädagogen vor große Herausforderungen – meist ohne destruktive Absicht.
Die Beispiele zeigen, wie vielschichtig homöopathische Arzneibilder bei ADHS sein können.
Begleitung aus ganzheitlicher Sicht
Die Veranlagung zu motorischer Unruhe lässt sich oft schon früh erkennen, während die Fähigkeit zur Konzentration erst ab etwa dem dritten Lebensjahr zuverlässig beurteilt werden kann. Ich spreche entsprechende Beobachtungen bewusst frühzeitig an – nicht zur Etikettierung, sondern um rechtzeitig unterstützend handeln zu können.
ADHS ganzheitlich verstehen:
ADS/ADHS ist stets multifaktoriell. Eine erfolgreiche Behandlung berücksichtigt daher auch:
- begleitende Ängste, depressive Symptome, Aggressivität oder oppositionelles Verhalten
- Entwicklungsauffälligkeiten und körperliche Begleitsymptome
- familiäre Belastungen, Eltern-Kind-Interaktionen
- schulische Überforderung oder Frustrationserlebnisse
Erste Schritte zuhause:
- altersgerechte, klare und verlässliche Strukturen
- liebevolle, aber konsequente Grenzsetzung
- spielerische Förderung der Aufmerksamkeit
- Reduktion von Überreizung und Medienkonsum
Ein gut strukturierter Alltag und die Einbindung in körperlich fordernde und sinnstiftende Aktivitäten sind von großer Bedeutung: Sportarten mit klaren Regeln, Klettern, Selbstverteidigung, Tanzen, Musik, Ballett oder rhythmische Bewegungsangebote.
Je nach Situation zusätzlich:
- Erziehungs- und Familienberatung
- Verhaltenstherapie
- Ergotherapie oder psychomotorische Förderung
- in ausgewählten Fällen Hippotherapie oder Entspannungsverfahren