Neurodermitis – überempfindliche Haut

Warum die Haut sensibel reagiert

Die Haut ist die Grenzfläche unseres Körpers zur Umwelt. Sie wird von innen heraus in enger Wechselwirkung durch Immunsystem, Nervensystem und seelische Balance gesteuert. Gerade bei Kindern reagiert dieses fein abgestimmte System besonders empfindlich. Deshalb spreche ich gern von der „sensiblen Haut“.

Neurodermitis = atopische Dermatitis = endogenes Ekzem
Sichtbar wird eine chronische Entzündung mit Mangel an Feuchtigkeit und Fett. Die Folgen sind trockene Haut, Juckreiz und eine erhöhte Neigung zu Hautinfektionen. Die Erkrankung beginnt meist im Säuglings- oder Kleinkindalter, verläuft schubweise und bessert sich bei vielen Kindern im Schulalter deutlich oder verschwindet ganz.

Das Behandlungskonzept – bewährt und modern

Neurodermitis ist keine reine Hautkrankheit, sondern eine komplexe Regulationsstörung des gesamten Organismus. Moderne Medizin bestätigt, was sich in der Praxis seit Jahren bewährt hat:

  • Die Hautbarriere ist gestört und braucht Schutz
  • Das Immunsystem reagiert überschießend
  • Stress, Alltag und Umwelt beeinflussen den Verlauf deutlich

Ziel ist es daher,

  • auslösende Faktoren zu erkennen und möglichst zu reduzieren
  • ein konsequent angepasstes Hautpflegekonzept zu entwickeln
  • Juckreiz und Entzündung frühzeitig zu bremsen
  • Kind und Familie im Alltag zu stärken

Verhaltens- und Entspannungsmaßnahmen sind dabei genauso wichtig wie medizinische Therapie. Ergänzende Verfahren (z. B. Homöopathie, TCM) können im Einzelfall hilfreich sein, ersetzen aber nicht die Basisbehandlung.

Geduld lohnt sich. Eine erfolgreiche Neurodermitisbehandlung braucht Zeit und Ruhe.

Ernährung – mit Ruhe und Augenmaß

Nahrungsmittelallergien spielen bei etwa 60 % der Kinder mit Neurodermitis eine ursächliche oder verstärkende Rolle – vor allem bei mittel- bis schweren Verläufen. Weiterhin gilt: Allergien haben im Kindesalter eine sehr gute Prognose.
Bei konsequenter Meidung verschwinden sie bei etwa der Hälfte der betroffenen Kinder innerhalb von zwei Jahren, und bei über 90 % bis spätestens zum Jugendalter.

Bei ausgeprägten oder früh beginnenden Hautveränderungen ist heute eine allergologische Abklärung beim Kinder- oder Jugendarzt frühzeitig sinnvoll, um Ursachen für die Überempfindlichkeit herauszufinden und gezielt zu vermeiden.

Grundsätze des Nahrungsaufbaus

  • Fertignahrungsmittel meiden
    (häufig enthalten sie Farb-, Konservierungs- und Zusatzstoffe, die empfindliche Haut triggern können)
  • Bewährt hat sich eine allergenarme Basisernährung
  • Neue Nahrungsmittel einzeln und im Abstand von mindestens drei Tagen einführen
  • Gekochte Speisen sind meist besser verträglich als Rohkost

Häufige Verschlechterer (individuell unterschiedlich)

  • Kuhmilchprodukte (auch Schokolade), Hühnereiweiß
  • Weizen, Erdnüsse, andere Nüsse, Fisch, Huhn, Soja
  • Zitrusfrüchte, Kiwi, Erdbeeren, gelegentlich Karotte
  • Tomaten, Hülsenfrüchte, Paprika, reifer Käse, Sauerkraut, scharfe Gewürze
  • Schweinefleisch, Schalentiere, Ananas
  • Kakao, Kaffee, schwarzer Tee, Alkohol
  • Süßigkeiten, Zucker, Honig

Diese Liste ist eine Orientierung. Entscheidend ist immer die individuelle Reaktion Ihres Kindes.

Häufig gut geeignet sind

  • Kuhmilch- und sojafreie Spezialnahrungen bei Bedarf
  • Kürbis, Apfel oder Birne gekocht (ohne Zucker), Reisflocken (ab 6. LM)
  • Blumenkohl, Zucchini, Banane, Kartoffel, Karotte (ab 7. LM)
  • Rindfleisch, Pute (möglichst Bio) (ab 8. LM)
  • Kohlrabi, Wassermelone (ab 9. LM)
  • Roggenbrot, Maisgrieß, Haferflocken (ab 10. LM)

Allgemein meist gut verträglich (frisch zubereitet)

  • Kartoffel, Fenchel, Zucchini, Kohlrabi, Blumenkohl, Broccoli, Gurke
  • Kürbis, Apfel, Birne, Banane, Wassermelone, Pastinake
  • Reis, Hafer, Mais, Roggen, Hirse
  • Fleisch von Rind, Pute, Ente, Gans, Lamm, Kaninchen
  • Mehrfach ungesättigte Öle (z. B. Distel-, Borretschöl)

 

Die Ursachensuche der Überempfindlickeit als „Detektivarbeit"

Die Ursachensuche der Neurodermitis ist eine Detektivarbeit:
Gemeinsam suchen wir nach dem „Übeltäter“, also nach den individuellen Faktoren, die die Haut reizen oder schädigen. Wird der Auslöser erkannt und gemieden, kann sich die Haut oft erstaunlich gut erholen.

Das braucht Zeit, Geduld und manchmal mehrere Anläufe – aber Sie sind damit nicht allein. Mit Wissen, Ruhe und einem klaren Plan lässt sich der Alltag meist gut stabilisieren. Wir begleiten Sie dabei – Schritt für Schritt, empathisch und realistisch.

 

Hautpflege – differenziert nach Hautzustand

Die atopische Haut zeigt verschiedene Erscheinungsformen nebeneinander. Deshalb ist es wichtig, Pflege und Therapie dem aktuellen Hautzustand anzupassen. Bewährt hat sich ein Stufenkonzept.

Stufe 1 – Basispflege (immer!)

Ziel: Stabilisierung der Hautbarriere und Rückfallprophylaxe

  • Regelmäßiges Nachfetten und Befeuchten
  • Linolsäure- / Omega-6-haltige Präparate
  • Rückfettende Waschemulsionen
    👉 Basispflege sollte über Monate konsequent erfolgen – auch in erscheinungsfreien Phasen.

Trockene Haut

  • Reichhaltige Fett- und Fettsalben
  • Niedrig dosierte Harnstoffpräparate (3–5 %, nicht bei Säuglingen)

Nässendes, akutes Ekzem

  • Feuchte, körperwarme Umschläge (z. B. mit Kräutertees)
  • Gerbstoff- oder Zinkpräparate
  • Milde Salzbäder als Unterstützung

Gerötete, entzündete Haut

  • Leichte Cremes (Öl-in-Wasser)
  • Zinkhaltige Mischungen

Chronisch trocken-entzündete Haut

  • Spezielle Salben mit entzündungsmodulierenden Wirkstoffen
  • Abends oft besser verträglich

Juckreiz

  • Kühle, feuchte Umschläge
  • Danach konsequentes Eincremen (Verdunstungskühle!)
  • Juckreizlindernde Externa
  • Bei Bedarf juckreizstillende Medikamente, v. a. nachts

Akute Entzündungsschübe

  • Kortisonhaltige Cremes gezielt, zeitlich begrenzt und verantwortungsvoll
  • Calcineurininhibitoren (z. B. Pimecrolimus) als moderne Alternative ab dem 2. Lebensjahr

Kortison ist ein wirksames Notfallinstrument, ich bezeichne es als: Feuerwehr. - Hingegen nichts für eine Dauerbehandlung. 

Goldene Grundsätze für den Alltag

  • Weniger waschen – 1–2× pro Woche reicht meist
  • Duschen ist hautschonender als Baden
  • Keine Seifen, keine Duftstoffe, keine aggressiven Tenside
  • Nach jedem Waschen sofort eincremen
  • Kurze Fingernägel
  • Weite, luftige Kleidung aus Baumwolle oder Leinen, Nähte nach außen
  • Keine Wolle, Seide, Kunstfasern direkt auf der Haut
  • Neue Kleidung immer vorwaschen
  • Parfümarmes, enzymfreies Waschmittel, z.B. Persil sensitiv. Kein Weichspüler
  • Starke Temperaturschwankungen und Schwitzen vermeiden

Fazit

Neurodermitis ist für Familien belastend – aber sie ist in den allermeisten Fällen heilbar.

Entscheidend ist nicht die eine „Wundersalbe“, sondern die konsequente Suche nach den individuellen Auslösern (Detektivarbeit) und ein geduldiges, gut abgestimmtes Vorgehen im Alltag. Kleine Schritte, die konsequent umgesetzt werden, führen meist zu großer Entlastung – für die Haut und für die ganze Familie.

Sie müssen diesen Weg nicht allein gehen. Wir unterstützen Sie mit über 30 Jahren erfolgreicher Praxiserfahrung.