Mittelohrentzündung (Otitis media)
Wenn das Ohr pocht und drückt
Die Mittelohrentzündung ist eine der häufigsten Erkrankungen im Kindesalter. Etwa 60–80 % aller Kinder erkranken bis zum dritten Lebensjahr mindestens einmal daran, viele sogar mehrfach. Die gute Nachricht:
Die meisten Mittelohrentzündungen verlaufen mild und heilen ohne Antibiotika von selbst aus.
Wie entsteht eine Mittelohrentzündung?
Fast immer entwickelt sich die Entzündung im Anschluss an einen viralen Infekt der oberen Atemwege – also nach Schnupfen, Husten oder einer Erkältung. Über die Ohrtrompete (Eustachische Röhre) gelangen Keime aus dem Nasen-Rachenraum ins Mittelohr.
Bei kleinen Kindern ist diese Verbindung noch kurz und weit – das erklärt, warum vor allem Kinder zwischen 6 Monaten und 3 Jahren betroffen sind.
Zunächst handelt es sich in über 70 % der Fälle um eine Virusinfektion.
Bakterien wie Streptococcus pneumoniae, Haemophilus influenzae oder Moraxella catarrhalis können sich sekundär aufsetzen, wenn die Schleimhäute stark geschwollen sind und das Sekret nicht mehr abfließt.
Eine von außen über den Gehörgang eindringende Infektion (z. B. durch Wasser) ist dagegen äußerst selten.
Typische Symptome
- Plötzlich einsetzende Ohrenschmerzen (oft einseitig)
- Fieber, manchmal über 39 °C
- Abgeschlagenheit, Unruhe, Trink- oder Schlafstörungen
- Kleinkinder fassen sich auffällig ans Ohr oder weinen beim Liegen
- Manchmal Übelkeit, Erbrechen oder Durchfall
Kommt es zu einem Eiterausfluss aus dem Ohr, ist meist das Trommelfell spontan geplatzt – das ist kein Grund zur Panik, sondern ein Zeichen der natürlichen Entlastung des Mittelohrs. In der Regel heilt das Trommelfell innerhalb weniger Tage folgenlos ab.
Natürliche Abwehrmechanismen
Die Schwellung und Schleimbildung der Nasen- und Ohrschleimhäute sind Teil der körpereigenen Abwehr.
Der Schleim wirkt wie ein Schutzfilm, der Krankheitserreger bindet und aus dem Körper befördert.
Deshalb gilt: Nicht jedes „Zuschwellen“ muss sofort medikamentös bekämpft werden – oft ist es ein sinnvoller Abwehrvorgang.
Selbsthilfemaßnahmen und Hausmittel
Ziel der Behandlung ist, die Selbstheilung zu unterstützen, Schmerzen zu lindern und den Sekretabfluss zu fördern.
- Feuchtigkeit statt Trockenheit:
Regelmäßiges Stoßlüften, feuchte Tücher auf der Heizung, Inhalationen mit 0,9 % Kochsalzlösung oder Kamillendampf. - Flüssigkeitsreiche Ernährung:
Suppen, Kompotte, Tee – am besten milcharme Kost, da Milchprodukte die Schleimproduktion fördern können. - Zwiebelwickel:
Eine frische Zwiebelscheibe in ein Tuch gewickelt aufs Ohr legen – wirkt abschwellend, durchblutungsfördernd und schmerzlindernd. - Nasenspülungen oder salzhaltige Nasentropfen:
Sie halten die Schleimhäute feucht und öffnen die Ohrtrompete – wichtig für den Druckausgleich. - Schmerzmittel bei Bedarf:
Paracetamol (15 mg/kg) oder Ibuprofen (10 mg/kg) lindern Schmerzen und senken Fieber. - Viel Ruhe und Nähe:
Kinder brauchen in dieser Zeit Zuwendung, Schlaf und Geborgenheit – das stärkt auch die Abwehrkräfte.
Antibiotika – wann sie wirklich nötig sind
Nach heutigen Studien (DGPI, Cochrane, AAP) ist eine Antibiotikatherapie nicht routinemäßig erforderlich. Etwa 80 % der akuten Mittelohrentzündungen heilen innerhalb von 2–7 Tagen ohne Antibiotika vollständig aus. Antibiotika verkürzen den Krankheitsverlauf nur um etwa 12–24 Stunden, können jedoch Nebenwirkungen wie Durchfall, Hautausschläge oder Resistenzbildung verursachen.
Antibiotika sind angezeigt, wenn:
- das Kind unter 6 Monaten alt ist
- der Allgemeinzustand stark beeinträchtigt ist oder hohes Fieber > 3 Tage besteht
- beidseitige Mittelohrentzündung bei Kindern < 2 Jahren vorliegt
- es zu Komplikationen kommt (z. B. Eiterausfluss, Mastoiditis)
- chronische Erkrankungen oder Immunschwäche bestehen
Bei unkomplizierten Verläufen wird heute ein „abwartendes Vorgehen mit Schmerztherapie“ („watchful waiting“) empfohlen – begleitet durch ärztliche Kontrolle nach 24–48 Stunden.
Verlauf und Prognose
In den meisten Fällen heilt eine Otitis media spontan und folgenlos ab. Ein vorübergehendes dumpfes Hören nach der Erkrankung ist häufig und bessert sich innerhalb von zwei bis drei Wochen. Bleibt der Erguss im Mittelohr länger bestehen, kann eine Hörprüfung (Audiometrie / Tympanometrie) sinnvoll sein.
Bleibt nach drei Monaten eine Flüssigkeit hinter dem Trommelfell, spricht man von einer Paukenerguss-Otitis (Otitis media mit Erguss) – auch hier gilt meist ein abwartendes, konservatives Vorgehen, da sich die Belüftung des Mittelohrs mit dem Wachstum fast immer verbessert.
Fazit
Die Mittelohrentzündung ist eine häufige, aber meist harmlose Erkrankung im Kindesalter.
Sie entsteht überwiegend im Rahmen viraler Infekte und heilt in den meisten Fällen ohne Antibiotika.
Entscheidend ist, die natürliche Selbstheilung zu fördern und das Kind aufmerksam zu begleiten.
Antibiotika sind eine wichtige Reserve – aber kein Alltagsmittel. Sorgfältige ärztliche Beurteilung, gezielte Schmerztherapie und elterliche Achtsamkeit helfen, Komplikationen zu vermeiden und gleichzeitig die körpereigene Abwehr zu stärken.