Häufige Fragen zur Impfung
Eltern wollen das Richtige tun – und das ist gut so.
Fragen und Zweifel gehören zu jeder verantwortungsvollen Impfentscheidung.
Hier finden Sie Antworten auf die häufigsten Unsicherheiten, die uns in der Praxis begegnen.
1. Ist es nicht besser, mein Kind später zu impfen?
Nein – im Gegenteil. Das kindliche Immunsystem ist von Geburt an leistungsfähig, aber noch unerfahren. Im ersten Lebensjahr besteht die höchste Gefahr für schwere Infektionen, wie Keuchhusten, Meningitis oder Pneumokokken-Erkrankungen.
Gerade in dieser Zeit braucht der Körper Schutz, bevor er dem Erreger zum ersten Mal begegnet.
Studien zeigen eindeutig:
Frühe Impfungen sind nicht belastender, sondern wirksamer und sicherer, weil das Immunsystem in dieser Phase sehr lernfähig ist.
Ein späterer Impfstart verlängert das Risiko für gefährliche Erkrankungen, ohne irgendeinen Vorteil für die Abwehrkräfte.
Quelle:
- Ständige Impfkommission (STIKO) am Robert Koch-Institut. Epidemiologisches Bulletin 2024; 34: 3–17.
- Deutsche Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie (DGPI). Impfempfehlungen 2023.
2. Sind Kombinationsimpfungen nicht zu viel auf einmal?
Nein – moderne Kombinationsimpfstoffe sind sogar schonender als frühere Einzelimpfungen. Sie enthalten weniger Zusatzstoffe und eine deutlich geringere Antigenmenge als die Summe früherer Einzelimpfstoffe. Das Kombinationsprinzip reduziert also die Belastung, nicht umgekehrt.
Das kindliche Immunsystem ist ohnehin darauf programmiert, mehrere Reize gleichzeitig zu verarbeiten – das ist sein natürliches „Multitasking-Prinzip“.
Täglich setzt es sich mit Tausenden von Umweltkeimen auseinander. Im Vergleich dazu ist die Reizmenge einer Impfung verschwindend gering.
Die Ständige Impfkommission (STIKO) und die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfehlen ausdrücklich die Verwendung von Kombinationsimpfstoffen, da sie:
- sicher und gut verträglich sind,
- mehr Schutz mit weniger Injektionen bieten,
- und die Gefahr von Impflücken durch vergessene Einzelimpfungen deutlich senken.
Quelle:
- World Health Organization (WHO). Safety and efficacy of combination vaccines. Weekly Epidemiological Record, 2019; 94(34): 381–392.
- Robert Koch-Institut (RKI). STIKO: Häufig gestellte Fragen zu Impfungen. (RKI.de, aktualisiert 2024)
3. Greifen Impfungen in das natürliche Immunsystem ein?
Impfungen unterstützen das Immunsystem – sie greifen nicht störend ein. Sie imitieren den natürlichen Infektionsprozess, ohne die Erkrankung selbst hervorzurufen. Dadurch trainiert das Immunsystem gezielt und nachhaltig.
Das Prinzip ist vergleichbar mit einem „Übungseinsatz": Das Immunsystem lernt, den Erreger zu erkennen, ihn abzuwehren und sich die Abwehrstrategie zu merken – ohne dass Ihr Kind erkranken muss. Langzeitstudien zeigen, dass Kinder mit vollständigem Impfschutz keine erhöhte Infektanfälligkeit haben – im Gegenteil: Sie sind insgesamt stabiler geschützt und entwickeln Infekte meist milder.
Quelle:
- Paul-Ehrlich-Institut (PEI). Wie Impfungen das Immunsystem trainieren. Stellungnahme 2023.
- Siegrist C-A. Vaccine Immunology. In: Plotkin’s Vaccines, 8th ed., Elsevier, 2024.
4. Können Impfungen Allergien begünstigen?
Nein – nach aktuellem Stand der Wissenschaft ist eher das Gegenteil der Fall. Mehrere große europäische Studien zeigen, dass geimpfte Kinder seltener an Asthma, Ekzemen oder Heuschnupfen leiden. Vor allem die Masernimpfung scheint das Immunsystem so zu modulieren, dass es weniger zu Überreaktionen neigt.
Die Idee einer „Allergie durch Impfung“ ist wissenschaftlich widerlegt. Eine normale Immunreifung braucht Anregung – und genau das leistet eine Impfung kontrolliert und sicher.
Quelle:
- Silverberg JI et al. Association between childhood vaccination and allergic diseases. JAMA Pediatrics 2021;175(6):e210485.
- Hviid A et al. Childhood vaccination and allergy risk: Nationwide Danish cohort. Allergy 2020;75(6):1485–1492.
5. Was, wenn mein Kind nach einer Impfung Fieber bekommt?
Leichtes Fieber, Müdigkeit oder Rötung an der Einstichstelle sind normale Zeichen der Abwehraktivierung – kein Grund zur Sorge.
Der Körper „arbeitet“ und baut den Schutz auf. Meist verschwinden die Beschwerden nach 1–2 Tagen.
Kühle Umschläge, etwas Ruhe und viel Trinken genügen meist. Fiebersenkende Mittel wie Paracetamol oder Ibuprofen können bei Unwohlsein gegeben werden – bitte nicht vorbeugend, sondern erst bei Bedarf.
Quelle:
- Paul-Ehrlich-Institut (PEI). Nebenwirkungen und Impfreaktionen. Jahresbericht 2023.
- World Health Organization (WHO). Global Vaccine Safety Initiative. Technical Report 2022.
6. Ich habe Angst vor Impfreaktionen oder bleibenden Schäden.
Das ist verständlich – doch die gute Nachricht lautet: Schwere Impfreaktionen sind extrem selten. Die Überwachungssysteme des Paul-Ehrlich-Instituts und der WHO bestätigen, dass die Vorteile der Impfungen das Risiko möglicher Nebenwirkungen um ein Vielfaches übersteigen.
In unserer Praxis haben wir in über 30 Jahren keinen einzigen bleibenden Impfschaden erlebt – wohl aber viele schwere Infektionsverläufe, die vermeidbar gewesen wären.
Quelle:
- RKI. Sicherheitsbericht zu Impfkomplikationen nach IfSG §6 und §11. Epidemiologisches Bulletin 2023; 49: 3–18.
- European Medicines Agency (EMA). Vaccine safety overview. Annual Report 2023.
7. Muss mein Kind alle Impfungen erhalten?
Die STIKO-Empfehlungen sind das Ergebnis unabhängiger, wissenschaftlicher Bewertung – sie decken nur Krankheiten ab, deren Folgen ernst, bleibend oder tödlich sein können. Jede empfohlene Impfung hat einen klar belegten Nutzen.
Selbstverständlich können wir gemeinsam einen individuellen Impfplan festlegen – angepasst an den Entwicklungsstand und die familiäre Situation.
Wichtig ist, dass Ihr Kind den vollen Schutz erhält – ob schrittweise oder im Regelrhythmus.
Quelle:
- STIKO. Begründungen zu den Empfehlungen 2024. Epidemiologisches Bulletin 2024; 34.
- WHO. Position paper on childhood immunization schedules. 2022.
8. Warum ist Impfen für die Gesellschaft wichtig?
Impfungen schützen nicht nur Ihr Kind, sondern auch andere – sogenannte Herdenimmunität. Wenn genügend Menschen geimpft sind, können sich Erreger kaum noch verbreiten. So werden auch Neugeborene, chronisch Kranke oder Menschen mit geschwächtem Immunsystem geschützt.
Das ist ein Akt gelebter Verantwortung und Solidarität.
Quelle:
- Fine P, Eames K, Heymann DL. “Herd immunity”: A rough guide. Clinical Infectious Diseases 2011;52(7):911–916.
- WHO. Global Immunization Strategy 2030 (IA2030). Geneva 2021.
9. Senkt Impfen den Antibiotikaverbrauch?
Ja. Impfungen verhindern bakterielle Infektionen (z. B. durch Pneumokokken, H. influenzae, Rotaviren-bedingte Sekundärinfekte) und senken dadurch die Zahl der Antibiotikaverordnungen. Schätzungen der WHO zufolge könnten weltweit 2,5 Milliarden Antibiotikadosen jährlich durch konsequente Impfprogramme eingespart werden.
Quelle:
- World Health Organization (WHO). Better use of vaccines could reduce antibiotic use by 2.5 billion doses annually. Pressemitteilung, Oktober 2024.
- Nature. Vaccines as tools to combat antimicrobial resistance. Nature 2020;586:319–327.
10. Unterstützen Impfungen wirklich die gesunde Immunreifung?
Ja. Kinder, die nach STIKO-Empfehlung geimpft werden, zeigen eine physiologisch stabile Immunentwicklung. Das Immunsystem wird gezielt trainiert, Überreaktionen (z. B. bei Allergien) treten seltener auf.
Quelle:
- Siegrist C-A. Vaccine Immunology. Plotkin’s Vaccines, 8th Edition, 2024.
- Hviid A et al. Childhood vaccination and immune development. Allergy 2020;75(6):1485–1492.
Fazit
Impfungen sind ein Geschenk moderner Medizin – sie verbinden persönlichen Schutz, gesellschaftliche Verantwortung und das Vertrauen in die Fähigkeit unseres Immunsystems, zu lernen und zu wachsen.
Wir begleiten Sie dabei mit wissenschaftlicher Klarheit, langjähriger Erfahrung und dem Respekt für Ihre Fragen und Ihr Bauchgefühl. Die beste Impfentscheidung ist die, die Sie gut informiert und mit Überzeugung treffen.